Über Allmachtsphantasien und Schuldgefühle…

Ich habe kürzlich in einem Buch („Feng Shui gegen das Gerümpel im Kopf“ von Dr. Michael Bohne) das Wort „Omnipotenzphantasie“ gelesen. Man könnte sagen, Omnipotenz bedeutet Allmacht (lat. omnis=alles, potentia=Kraft, Vermögen, Fähigkeit). Insgesamt geht es also um den Glaube daran, allmächtig zu sein bzw. alles grenzenlos kontrollieren oder bewirken zu können.

Das könnte einerseits dazu führen, dass Menschen immer alles alleine regeln wollen. Bloß keine Aufgaben abgeben. Keine Hilfe annehmen. Jede Verantwortung tragen. Nur man selbst hat ja alles in der Hand. Ein gesundes Maß an Selbstvertrauen und Gefühl von Selbstwirksamkeit ist wichtig, um aktiv zu werden, um die Motivation für seine Projekte und Träume zu haben. Trotzdem stellt man sich vermutlich selbst ein Bein, wenn man sich über allem und jedem sieht – selbst, wenn das nicht einmal absichtlich geschieht. Das Leben hat leider überall seine Stolpersteine verteilt. Das gilt für jeden und wird sich auch nie ändern. Wir werden also vermutlich niemals den Dingen entkommen, die wir einfach nicht ändern können. Ich glaube, das sollten wir früher oder später akzeptieren, so sehr wir damit auch zu kämpfen haben. Wir haben nun mal nicht über alles die Macht und rauben uns jeden Krümel Energie bei dem Versuch, sie doch zu erlangen.

Andererseits läuft man Gefahr, seine eigenen Fähigkeiten und Bedeutung zu überschätzen. Besonders zweiteres scheint in zwischenmenschlichen Beziehungen für das ein oder andere Problem zu sorgen. Oft denken wir, dass wir mehr Einfluss auf andere haben, als das eigentlich der Fall ist. Wir glauben zu wissen, was den anderen im Kopf herumspukt. Unterbewusst sind wir uns sicher, alles und jeden zu kennen – ähnlich dem Gefühl der Omnipotenz. Wir reagieren dann auf das Konstrukt, was wir uns gebaut haben. Das Konstrukt aus Persönlichkeiten, Werten, Handlungen, Gesichtsausdrücken, Erfahrungen, Beziehungen und all das eben. Wir machen uns ständig Gedanken, haben dauernd Schuldgefühle. Und viel zu selten sind sie begründet. Einfach weil wir versuchen für andere Personen zu denken, anstatt ihnen wirklich zuzuhören.

Denn würden wir das tun, wäre schnell klar, ob wir tatsächlich schuldig sind oder nicht. Falls ja: reden, Problem aus der Welt schaffen, entschuldigen, so etwas in diese Richtung. Wenn nicht, ist es an uns zu erkennen, dass das Schuldgefühl sinnfrei ist und wir es loslassen sollten, denn

nur wir selbst sehen das Problem bei uns (dann gibt es in dieser Situation gar keine Schuld) oder

wir müssen die Themen anderer von unseren eigenen trennen.

Und hier wird es brenzlig. Empathische Menschen können dazu neigen auch persönliche Probleme anderer Menschen auf sich zu übertragen. Vielleicht fühlt man sich dann schlecht, weil man bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllen kann. Dabei ist es nicht unsere Aufgabe, fremde Knoten zu lösen. Es ist nicht immer unsere Schuld. Nur weil anderen nicht gefällt, was wir tun, bedeutet das nicht, dass wir etwas ändern müssen. Ich will nicht sagen, dass es richtig ist, Leute absichtlich zu verletzen oder traurig zu machen. Aber jeder sollte die Verantwortung für seine eigenen Themen übernehmen. Wir sind nicht auf dieser Welt, um zu verhindern, dass andere Menschen enttäuscht sind.

Also es ist ein schönes Gefühl, eine gewisse Kontrolle und Wirksamkeit in Bezug auf uns selbst und auch gegenüber unseren Mitmenschen zu haben. Aber ich denke, wir sollten uns nicht als jemanden sehen, dessen Handlungen alles und jeden betreffen. Jeder ist das Zentrum seines eigenen Lebens. So, wie wir es für uns selbst sind, ist es der Rest auch für sich.

Diese Realisation kann auf der einen Seite etwas ernüchternd und niederschmetternd wirken. Wofür mache ich denn dann all das hier, wenn es überhaupt keine Bedeutung hat? Aber kann uns das nicht vielleicht sogar ein Stück Freiheit schenken? Lass es uns so betrachten: Es ist völlig egal, was ich jetzt tue, denn am Ende hat es weniger Bedeutung, als ich vorher dachte. Dann kann ich ja auch einfach das machen, was mich glücklich macht. Was für mich persönlich bedeutend ist. Woran ich glaube. Am Ende verschwindet sowieso alles. Ob ich scheitere, egal. Wo es hinführt, nicht von Relevanz. Ja, irgendwie traurig und dennoch unendlich befreiend.

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