Ich habe vor Kurzem den Film „Lucy“ gesehen. Es geht um eine junge Frau, in deren Bauch ein Paket mit einer bestimmten blauen Substanz transportiert wird – natürlich nicht freiwillig. Der Kontext ist aber gerade nicht wichtig. Diese synthetisch hergestellte Droge, CPH4, setzt bei Einnahme enorme geistige und körperliche Fähigkeiten frei. Nachdem der Beutel in Lucys Innerem platzt, bewirken die großen Mengen an CPH4, dass sie immer mehr Kapazität Ihres Gehirns nutzen kann, was sie progressiverweise zu einer Art Übermensch macht. Sie sieht und fühlt nun mehrere Zeiten gleichzeitig, anstatt nacheinander, wie wir.
Da das eines der Hauptthemen ist, wird in einer Szene das Konzept von Zeit anhand einer Sequenz erklärt, in der ein Auto von links nach rechts fährt: Wenn dieser Mini-Film unendlich schnell abgespielt wird, der Wagen also immer schneller und schneller fährt, ist der Mensch ab einem bestimmten Punkt nicht mehr in der Lage, ihn zu sehen. Das liegt daran, dass unsere Realität, unser Leben und unsere Wahrnehmung an Zeit gebunden sind. Genauer gesagt, an die lineare Abfolge der Zeit. Für uns gibt es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wenn das Auto also unendlich schnell ist, lassen sich diese drei kaum mehr voneinander unterscheiden. Ergebnis ist: Das Fahrzeug ist für uns nicht mehr da. Die Regeln, nach denen unsere Welt so funktioniert, wie sie es tut, würden es so nicht mehr geben ohne die Linearität der Zeit. Bzw. sind unser Gehirn und unsere gesamte Existenz darauf ausgelegt.
Es gibt jedoch Theorien, die sich genau dessen nicht ganz sicher sind. Ich habe im Zuge meiner Recherche spannendes über die Relativitätstheorie (Einstein) gelesen und möchte Folgendes teilen: Sie besagt, dass Zeit und Raum relativ sind, und nicht absolut. Somit bestehe eine Abhängigkeit von der Bewegung des Beobachters. Zeit vergehe also bei unterschiedlicher Geschwindigkeit und Gravitation unterschiedlich schnell. Was für uns schon eher schwer vorstellbar ist, aber zeigt, dass Vieles unseren geistigen Horizont übersteigt. In seiner Theorie beschreibt Einstein ebenfalls das sogenannte „Blockuniversum“. Und hier wird es besonders spannend… Im Blockuniversum gibt es zwar drei Raumdimensionen und nur eine Zeitdimension, diese verbindet jedoch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem gleichzeitigen Moment. Einstein meint also, wir hüpfen bloß von einem Zeitraum zum anderen, welche aber alle bereits existieren. Das kreiere die subjektive Wahrnehmung eines Zeitflusses. Gleichzeitigkeit sei relativ.


Wäre es nicht interessant, sich darüber Gedanken zu machen, dass wir potenziell nur einen gewissen Teil der Zeit wahrnehmen können? Wieso gehen wir dann so verschwenderisch damit um? Ich meine, wir können es nicht ändern, wie es ist. Wir sind an diese Sichtweise und den Ist-Zustand gebunden. Aber zu wissen, dass wir ohne diese eine Art, Zeit wahrzunehmen nicht leben könnten, gibt mir das Gefühl, wir sollten sie mehr schätzen.
Wir leben zwar in einer Sequenz an Momenten. Aber Vergangenheit und Zukunft existieren nicht wirklich. Und selbst wenn sie es tun, haben wir keinen Zugriff darauf. Uns bleibt nur dieser eine Moment. Nur ein Zeitpunkt, in dem wir wirklich handeln können. Das vergessen wir andauernd. Wir denken, dass wir aus der gesamten Zeit vor und nach dem Jetzt bestehen. Was wäre aber, wenn wir das alles vergessen, oder eher beiseitelegen. Dann ist das, was wir jetzt gerade sind, die Essenz unseres Seins. Dann ist auch nichts mehr schlimm. Es gibt keine Probleme mehr. Denn wir können eine Schwierigkeit sofort angehen. Dann ist es aber auch kein Problem mehr. Alles darum herum ist Kontext. Eigentlich nur Luft. Nicht mal das. Konstruktion. Illusion.
Unsere To-Do-Listen, unsere Termine, Social Media. Alles künstlich hergestellt. Und schlussendlich nicht von Bedeutung. Ja, wir können Zeit nicht multidimensional, wie Lucy, wahrnehmen. Die Zeit vergeht immer in eine Richtung. Wenn wir uns jedoch weniger auf die Richtung fixieren und uns nicht mit dem identifizieren, was die Zeit aus uns macht, sind wir das, was wir eigentlich wirklich sind. Zeit ist kein Werkzeug. Sie ermöglicht uns Erfahrung.
Wenn wir sie eher als Querschnitt und nicht als Längsschnitt sehen würden, würden wir vielleicht merken, wie wertvoll es ist, das alles erleben zu können. Mehr ein Geschenk und weniger selbstverständlich. Es käme mehr auf die Qualität, als auf die Quantität an. Weil wir gar keine andere Chance hätten, als im Moment zu leben, weil es ja nur diesen einen gäbe.
