Und warum Pausen keine verschwendete Zeit sind
Dolce far niente. Das ist ein italienischer Spruch und bedeutet „die Süße des Nichtstuns“. Nichtstun – oft sehen wir es eher als Feind, nichts zu tun zu haben. Warten bedeutet innerlicher Stress. Ist das nicht paradox? Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, von Termin zu Termin zu rennen, dass eine Pause als Unproduktivsein abgestempelt wird.
Und doch sehnen wir uns andauernd nach einer Auszeit. Wann endet endlich die Arbeit? Wann habe ich endlich Urlaub? Wann kann ich endlich in Rente?
Wie oft höre ich die Menschen um mich herum, sich darüber beklagen, dass sie aus dem Ich-hab-so-viel-zu-tun-Strudel nicht mehr herausfinden. Doch sind wir wirklich nur das Opfer unseres eigenen Lebens bestehend aus Rush Hours?
Ein Treffen jagt das Nächste. Dazwischen überschlagen sich die Gedanken über Vergangenheit und Zukunft. Jede noch so kleine Lücke wird auf Instagram verbracht. Verärgerte Gesichter im Stau. Nervöse Blicke an der Bushaltestelle. Aber warum begreifen wir nicht, dass wir allein verantwortlich für unser hektisches Hin-und-her sind? Für unsere Ungeduld?
Wir versuchen immer logisch zu handeln, meiden kleinste Fehler, wollen das Maximum aus allem herausquetschen – und handeln am Ende doch gegen uns selbst, weil wir nie genug tun. Also das glauben wir oft. Der Kampf zwischen dem „Ich muss alles machen“-Gedanke und einem „Ich kann einfach nicht mehr“-Schrei nach Hilfe geht wieder in eine neue Runde.

Ja, wir haben alle viel zu tun. Ja, wir denken alle, dass wir es nicht ändern können. Aber:
Einerseits gibt es nur ganz wenige Dinge, die wir wirklich MÜSSEN, wenn man mal ehrlich ist. Streng genommen könnten wir jeglichem Stressgefühl aus dem Weg gehen, wenn wir Prioritäten setzen würden. Wir müssen uns nur aktiv dafür entscheiden. Diese eine Sache weniger in der Woche, bei der sich die Motivation sowieso schon in Grenzen hält, wäre ja schonmal ein Anfang. Einfach mal nur da zu sitzen, ohne die leise aber konstante Stimme des schlechten Gewissen im Nacken zu haben.
Andererseits gibt es immer diese kleinen Mini-Auszeiten, die wir so schnell übersehen: Warten. Wir fokussieren uns oft so sehr auf unsere Ziele, dass die Zeit bis zum Ankommen wertlos erscheint. Langeweile als etwas Befreiendes zu betrachten scheint vielleicht fremd. Aber was wäre, wenn das, was wir mit dem Gefühl verbinden, eine andere Bedeutung bekommt? Ausruhen. Durchatmen. Zuhören. Fühlen. Einmal im Wartezimmer, am nächsten Tag in der endlosen Schlange an der Kasse. Die Momente mögen noch so unbedeutsam sein, dennoch umgeben sie uns andauernd.
Also:
Platz schaffen, wo es geht. Denn was nützt es, überall anwesend zu sein, wenn man doch nur halb da ist?
Kleine Pausen für sich nutzen, anstatt die Zeit tot zu schlagen oder genervt zu sein.

Schließlich haben die meisten von uns sich selbst für dieses Leben entschieden. Dieser Job, dieses Hobby, diese Freunde… Und genauso, wie wir uns all das angeeignet haben, können wir es jederzeit überdenken und anpassen. Die Sorge bleibt: „Ich muss dahin gehen! Wieso sollte ich absagen, wenn ich doch Zeit habe?“. Hier zeigt sich wieder, dass wir uns Stress fast wünschen, sei es arbeitstechnisch oder freizeitmäßig. Es ist trotzdem keine Schande, zwischendrin mal Zeit für sich zu schaffen oder nichts zu tun zu haben. Wenn man klar genug kommuniziert, was einem wichtig ist, wird weniger Gegenwind kommen, als man denkt. Nicht jeder wird das verstehen, aber die Leute werden es akzeptieren.
Wie auch immer das Gefühl „Stress“ als Standardeinstellung bei uns allen angeschaltet wurde: Es lässt sich mit Sicherheit deaktivieren, wenn wir das auch endlich wollen und dafür sorgen. Wir müssen lernen die Unruhe der Stille auszuhalten, die Angst vor dem Warten zu verlieren. Dann warten wir auch auf nichts mehr. Sondern genießen die Zeit, wo und wann auch immer. Wir fühlen, was sie uns zu sagen hat – die Süße des Nichts.
